Geerdetes Yoga
Wenn mich jemand fragt, welches Yoga ich unterrichte, lautet meine Antwort: traditionelles, geerdetes Yoga – frei von esoterischem Ballast.
Im Kern bedeutet Yoga: Einheit von Körper, Seele und Geist. Diese Einheit kann durch regelmäßige Praxis erfahrbar werden – durch Meditation, bewusste Atmung, achtsame Bewegung im Einklang mit dem Atem, einen reflektierten Lebensstil, Geduld und mit unendlicher Neugier, denn auch nach Jahren der Praxis eröffnen sich immer wieder neue körperliche und geistige Horizonte.
Yoga ist kein Glaubenssystem, sondern ein Weg zur Klarheit und innerer Ruhe. Was Yoga darum meiner Meinung nach nicht braucht, sind esoterische Konstrukte wie Nadis, Chakren und der Glaube, das Anstimmen bestimmter Laute könnte diese sogenannten Energiezentren stimulieren, wodurch ein höheres Bewusstsein erlangt werden soll.
Solange man das spielerisch betrachtet, ist dagegen nichts einzuwenden. Ich selbst habe Workshops besucht, in denen Übungen symbolisch den Chakren zugeordnet wurden. Das kann Spaß machen, solange man weiß: Es sind Metaphern, keine Naturgesetze.
Fairerweise soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Metaphern Parallelen zu dem aufweisen, was wir heute als unser Nervensystem kennen. Ida und Pingala erinnern an Sympathikus und Parasympathikus, die Chakren sitzen an Stellen mit hoher Nervenkonzentration. Nachgewiesen wurde davon nichts. Aber vermutlich spürten die frühen Yogis durch intensive Körperwahrnehmung etwas Reales und schufen dafür ein Erklärungsmodell, das man heute weder als Anatomie ernst nehmen noch als reinen Unsinn abtun sollte.
Problematisch wird es, wenn daraus Dogmen entstehen und Zweifel nicht mehr erlaubt sind, wenn solche Modelle als Fakten verkauft werden, also wenn jemand sagt „dein Wurzelchakra ist blockiert" mit derselben Gewissheit wie „du hast einen gebrochenen Arm". Das ist dann irreführend, manchmal sogar schädlich, z.B. wenn Krankheiten mit Chakra-Arbeit statt medizinisch behandelt werden. Auch wenn es heißt, das Halten des Atems bis zum Rand der Ohnmacht oder das endlose Wiederholen von Mantren führt zur Erleuchtung, ist Vorsicht geboten.
Hier beginnt für mich der gefährliche Teil: Wenn Esoterik zur Ideologie wird, erzeugt sie falsche Erwartungen, fördert Abhängigkeit und kann psychisch instabile Menschen ausnutzen. Aussagen wie „Übe über die Schmerzgrenze hinaus" oder „Isoliere dich von deinem Umfeld für deine spirituelle Entwicklung" sind Warnsignale. Solche Haltungen führen nicht zur Erleuchtung, sondern zur Selbstschädigung.
Im besten Fall erkennt man den Irrweg und schmunzelt darüber. Häufiger jedoch entsteht daraus Arroganz und Anmaßung („Ich habe ein höheres Bewusstsein"). Im schlimmsten Fall entstehen Selbstzweifel („Ich erreiche das höhere Bewusstsein einfach nicht – ich bin falsch"), Abhängigkeit oder sogar Machtmissbrauch. Wer mag, kann einfach „Skandale in der Yogawelt" oder „Die dunkle Seite des Yoga" googeln und versteht sofort, was ich meine.
Ich stand der Esoterik schon immer kritisch gegenüber. Sie schwächt Menschen, die ohnehin verletzlich sind, und bietet jenen eine Bühne, die diese Schwächen psychologisch oder finanziell ausnutzen. Deshalb hatte ich anfangs auch Vorbehalte gegenüber Yoga, galt es mir doch als zu esoterisch aufgeladen. Erst als ich fast zufällig meine ersten Sonnengrüße praktizierte und spürte, wie bereichernd es ist, wenn Atmung und Bewegung miteinander harmonieren, verstand ich: Die Essenz des Yoga ist frei von Esoterik.
Woher kommt dann aber die esoterische Färbung des Yoga? Sie hat historische Wurzeln: Schriften wie die Hatha Yoga Pradipika betonen feinstoffliche Konzepte und haben dieses Bild geprägt. Doch in der zentralen Schrift – neben der ebenfalls wichtigen Bhagavad Gita – den Yoga Sutras von Patanjali, geht es nicht um Chakren oder Gurus, sondern um den Achtgliedrigen Pfad, der zur Selbsterkenntnis führt – ohne äußere Autorität.
Genau darauf beruht mein Unterricht: Yoga nach Patanjali – frei von Dogmen, offen für eigene Erfahrungen. Yoga befreit von Esoterik. Geerdetes Yoga.
„Es gibt keinen Führer, keinen Lehrer, keine Autorität. Es gibt nur dich – deine Beziehung zu anderen und zur Welt."
Jiddu Krishnamurti